#Heilungsgeschichte 2
Es waren einmal zwei Freunde - sehr gute Freunde. Sie machten alles gemeinsam - hatten die gleichen Interessen. Wenn sie sich trafen, war es, als würden sie sich nach langer Zeit wiedersehen - obwohl nur eine Nacht des Schlafens zwischen ihrem Treffen - ihrem Wiedersehen - lag. Ihre Charaktere waren sich sehr ähnlich. Vertrauen, Ehrlichkeit, Mitgefühl, Kameradschaft, Hilfsbereitschaft, Herzens- und Seelenverbindung lebten sie wie etwas grundlegend Lebensnotwendiges. Jeder half dem anderen oder unterstüzte ihn dort, wo er nicht so talentiert war. Sie hießen Osato und Tarong. Eines Tages, die Freunde waren 15 Jahre alt, kam Osato schon morgens voller Aufregung - ein Anschlagspapier in der Hand wedelnd - auf Tarong zugelaufen. Tarong fühlte, dass etwas Besonderes in der Luft lag - etwas Außergewöhnliches - vielleicht Wegweisendes für beide Freunde. Tarong musste Osato erst Mal beruhigen - so schnell redete er, dass er gar nichts verstand. Tarong band seinen Esel an einen Baum und ließ ihn grasen. Beide setzten sich unter den Ginkobaum, der stets der Platz war, an dem sie sich über das Leben und die Schöpfung Gedanken machten und sich austauschten. Manchmal vergaßen sie fast darauf, nach Hause zu gehen. Sogar wenn es regnete, fanden sie sich als ersten Treffpunkt am Morgen unter diesem „Freundschaftsbaum“ ein. Sie hatten sich aus dicken Grashalmen und Ästen einen Unteschlupf gebaut - die Zwischenräume mit getrocknetem Eselsdung ausgestopft, der dem ganzen Halt gab. An diesem besonderen und schicksalsträchtigen Morgen erhob sich gerade die Sonne zwischen zwei weit entfernten schneebedeckten hohen Gipfeln. Hier in der Talebene des Gebirgmassivs begann gerade das Gras grün zu sprießen und Vögel sangen ihre ersten Morgenlieder. Ja - es war Frühling und in der Luft lag eine Energie des Aufbruchs, des zarten Ergrünens und die Kraft des darin liegenden Wachstums. Jeder auf seinem Stein sitzend, offenbarte nun Osato, was es mit diesem Anschlagspapier auf sich hatte: „Ich ging aus unserem Dorf raus - her zu unserem Platz. Am ersten Baum außerhalb des Dorfes war dieses Papier mit Bambusfäden am Baum befestigt!“ Osato las nun vor, was in wenigen Worten auf dem Papier stand: Du willst in das Mysterium der Schöpfung eintauchen? Komm in unsere Mönchsgemeinschaft und richte dein Leben auf das Wesentliche aus. Du tauchst ein in die Geheimnisse des Lebens und der Schöpfung - und lernst, sie zu leben - neben Arbeit und Meditation.“ Eine unleserliche Unterschrift und der Stempel des Klosters waren der Abschluss. Tarong war nun auch sehr aufgeregt. Sollte der gemeinsame Weg mit seinem Freund Osato nun hier weitergehen? Ihre vielen Fragen vertiefende Antworten an einem „heiligen Ort“ mit erfahrenen Mönchen weitergehen? Selbst ein Mönch sein und den Weg der Freundschaft auf diese Weise vertiefend weitergehen? Beide blickten sich spontan in die Augen - und beiden leuchtete ein begeistertes und entschlossenes JA aus der Tiefe ihrer Blicke. Ihre Seele sprach aus ihren Augen. So packten sie schon am Vorabend ihren Wegbeutel - nahmen ihren Esel mit und trafen sich noch vor Sonnenaufgang unter ihrem Baum. Sie verabschiedeten sich dankbar von diesem „Platz der Ergründungen“ - viele Jahre war der Ginkobaum ihr „Ohrenzeuge“ und „Fühlzeuge“. Denn oft saßen sie auch nur still da, wenn jeder für sich in eine Frage eintauchte und tief in sich versank, um eine Antwort - und wenn es eine momentane Antwort war - zu finden. Sie gingen 7 Tage und hatten das Geschenk der immer wärmer scheinenden Sonne. Am 8. Tag sahen sie von der Ferne die Mauern des kleinen Klosters am Felsvorsprung des Gebirges, dem sie jeden Tag beim Sonnenaufgang entgegenblickten. Sie wussten nicht, dass es hier verborgen einen „Ort der Weisheit“ gab. So wurden beide Freunde nach einem tiefgehenden Gespräch mit dem Obermönch bezüglich ihrer Motivation und ihrer Einstellung zu solch einer Art des Lebens in dieses Kloster aufgenommen. Jeder bekam einen eigenen kleinen Raum zum Schlafen zugewiesen. Die Räume lagen nebeneinander. Sie schoben die Betten so, dass sie Wand an Wand lagen. Es war anders, als sie es kannten - wenn sie im Sommer gemeinsam unter dem Ginkobaum übernachteten. Und die Jahre flossen dahin - des Lebens und der Selbsterkenntnisse und des Lernens. Eines Tages - Tarong und Osato hatten gerade ihre Kontemplationsstunden beendet - wurden sie zum Obermönch gerufen. Sie wussten - etwas Besonderes musste bevorstehen - denn es kam nicht oft vor, auf diese Weise gerufen zu werden. Der Obermönch - Sitao - erwartete sie. Sie standen still vor ihm - er betrachtete sie eine Weile und ließ sie dann vor sich auf dem Boden Platz nehmen. So blieben sie mit geschlossenen Augen sitzen - vertieften sich in sich und es fand eine Art innere Verbindung zwischen ihnen und Sitao statt. Der Obermönch drehte lange seine Gebetsmühle und dann jeder seine Mala. Nach 108 Perlen schlug Sitao den Gong und dies war das Zeichen, dass er nun mit ihnen zu sprechen begann. Tarong und Sitao blickten auf und sahen ohne Erwartung oder Aufregung den Obermönch an. Sitao freute sich über die Entwicklungen, die beide in den vielen Jahren durchliefen. Er schätzte ihren Tiefgang und die Fragen, die sie in sich trugen und sich selbst zu beantworten begannen. Er wusste, dass sie eine enge und intensive Freundschaft ve rband. Und so war sein Ansinnen eine große Herausforderung an beide. Sitao war auf der Suche nach einem „persönlich auserwählten Mönch“, dem er Wissen weitergeben wollte, das nur in diesem Mönch-Obermönch-Verhältnis weitergegeben wurde. Der ihm sehr nahe stehende Mönch hatte die Aufgabe, Schriftrollen und Gebetsrollen zu sortieren - Schriftrollen mit der Hilfe des Obermönchs zu ergründen - neue Schriftrollen mit Texten vom Obermönch zu schreiben. Er war auch sein Vertrautester: immer an seiner Seite - in Gebetszeiten und auch im Speisesaal, begleitete ihn im Garten in Gesprächen und er assistierte bei Festlichkeiten. Niemand sonst war dem Obermönch so nahe. Zuerst strahlten beide - Tarong und Osato - welch wunderbares Schicksal. Als Sitao sagte, dass er nur einen von beiden wählen wird, war das ein kleiner Schmerz im Herzen von Tarong und Sitao. Nur - was verursachte diesen Schmerz? Dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben getrennt würden - getrennte Wege im Kloster gehen oder man nicht erwählt wird? Sitao meinte, er ließe beiden mal Zeit, um zu ergründen und zu erfühlen - diese Möglichkeit, gewählt zu werden. Es war eine Art „Schulung“, der sie noch nie ausgesetzt waren. Sitao entließ sie und wollte sie in einem Monat wiedersehen - für ein neuerliches Gespräch - um zu erfahren, was sich in der T iefe bei jedem zeigte. Plötzlich war die Welt von Tarong und Osato eine andere geworden. Nachdem sie verabschiedet wurden, setzten sie sich auf einen Stein und blickten zum weit entfernten Horizont - in Richtung Talebene - wo ihr Baum der Freundschaft stand und sie nie daran dachten, dass einmal nicht gemeinsam was machen, ergründen, erfahren, erleben. Osato fühlte Traurigkeit in seinem Herzen und Unverständnis in seinen Gedanken. Wie konnte jemand bewusst diese Freundschaft trennen? Er fühlte Wut und gleichzeitig tadelte er sich - dass er Wut auf Sitao, den Obermönch, in sich entdeckte. Er blickte zu Tarong. Tarong hatte die Augen geschlossen und schien für sich zu sein. Zum ersten Mal fühlte Osato, dass er neben seinem Freund saß und ihn innerlich nicht so richtig spürte. Aber vielleicht war das, weil er Wut und Traurigkeit in sich fühlte? Sie sprachen nicht miteinander - zu sehr musste jeder das zunächst für sich selbst ganz tief drinnen bearbeiten und fühlen. An einem Abend - beide lagen auf ihrem Schlaflager - sprach Tarong zu Osato durch die Wand: „Ich will unsere Freundschaft nicht entzweit wissen - sie ist mir sehr viel Wert!“ Osato gab ihm Recht - auch er wollte das nicht. Und so hatte Tarong einen Vorschlag: „Wir sagen, wir wollen die Position nicht, wenn wir nicht zusammenbleiben können.“ Osato war berührt, dass Tarong dies sagte - ihm war die Freundschaft zu ihm sehr wichtig - er hätte auf alles verzichtet - nur nicht auf die Freundschaft. Tarong lag noch lange wach. In ihm fand ganz still - ohne dass Osato es wahrnahm - ein inneres Entscheidungsgespräch statt - obwohl er Osato gegenüber sich zur Freundschaft bekannte. So kam der Tag, an dem sie wieder gerufen wurden. Wieder der gleiche Ablauf wie beim ersten Gespräch. Nur im Inneren der beiden fand sich eine andere Welt. Sitao hatte schon alles für den gewählten - auserwählten - sich entschiedenen Mönch vorbereitet. Jetzt zählte nur noch, welche inneren Wege jeder von beiden in diesem einen Monat ging. DAS war das Zünglein an der Waage. Denn beide trugen für diese Position die selben - gleichwertigen - Qualitäten in sich. So überließ Sitao es den beiden, wer zuerst zu reden beginnen wollte. Und so meldete sich Osato. Er sprach über seine Traurigkeit und seine Enttäuschung und auch die Wut, die er nach dem ersten Gespräch fühlte. Er könne sich nicht für dieses Amt entscheiden - weil er sehr an der Freundschaft hängt - sie für ihn das Wichtigste sei. Sitao nickte nur - zeigte keine Regung. Für ihn war alles gut - egal wie sich jemand entschied - keine Bewertung. Osato unterwarf alles der Freundschaft - sogar sich selbst - so sehr hing er an dieser Freundschaft. Nun war Tarong an der Reihe zu reden. Er sprach nicht sofort - in ihm war viel in Bewegung. Zuerst sprach er über die enge Freundschaft mit Osato. Wieviel ihm diese sein Leben lang bedeutet hat. Und er sprach über seine Gedanken und Gefühle zum angebotenen Amt des persönlich nahen Mönchs von Sitao. Und dann blickte er zu Osato und meinte: „Es tut mir leid, Osato. Ich habe mich erst heute Morgen - nach wirklich sehr viel inneren Dialogen mit mir selbst - entschieden. Es ist keine Absage an unsere Freundschaft - ich kann nicht anders.“ Tarong blickte zu Sitao und sagte: „Ich möchte diese Aufgabe übernehmen und mit Freude und Begeisterung den Weg an deiner Seite gehen.“ Osato ließ sich äußerlich nichts anmerken. Aber innerlich brach für ihn eine Welt zusammen. Es war wie ein Stich ins Herz - er glaubte sterben zu müssen - warum zerbricht Tarong diese Freundschaft! Noch nie fühlte er sich von seinem Freund verraten und enttäuscht. Für Sitao war die Entscheidung beider in Ordnung und Tarong war nun sein ihn begleitender Mönch, den er nun auch im Kern schulen durfte. Osato wurde verabschiedet und blickte noch einmal - das letzte Mal - seinem Freund ins Gesicht. In die Augen konnte er ihm nicht schauen - denn er hielt den Blick gesenkt. Tarong blieb noch den ganzen Tag bei Sitao. Es gab viel zu besprechen - auch die feierliche Einführung in seine neue Aufgabe. Als Tarong am Abend seine Schlafkammer in Ordnung bringen wollte - damit sie aufgeräumt und sauber hinterlassen wird - blickte er durch die wenig offene Tür von Osatos Schlafkammer. Er klopfte an - aber niemand meldete sich. Tarong öffnete die Tür zur Gänze und blickte in ein leeres Zimmer - ohne Osatos persönliche Sachen. Osato hatte noch am selben Tag das Kloster verlassen. Er wollte kein Mönch mehr sein - und schon gar kein Freund von jemandem - nie wieder - das hatte er sich geschworen. Nur noch mit sich und seinem Esel leben. Den Ginkobaum hat er bis heute nicht mehr besucht. Zu tief saß der Schmerz - über Tarongs Entscheidung in letzter Minute gegen die Freundschaft und über Sitaos Ansinnen, einen von beiden zu wählen. Tarong diente Sitao viele Jahre lang und wurde von ihm in altes Wissen eingeweiht und tiefgehend geschult. Als Sitao starb, wurde Tarong Obermönch des Klosters - immer mit der Frage in sich, wann denn Osato zurückkäme und seine Entscheidung verstehen - nachfühlen würde. Aber er respektierte innerlich Osatos Art und Weise, wie er damit umging - denn auch dies war eine Entscheidung - so wie seine damals.